Obwohl der Begriff „Redispatch 3.0“ derzeit vor allem im Rahmen vonForschungsprojekten auftaucht, zeichnet sich bereits ab, dass dieses Konzeptbald den Sprung in die Praxis schaffen könnte. Wichtig zu wissen: Redispatch 3.0ist noch nicht gesetzlich festgelegt – es befindet sich aktuell in derEntwicklungs- und Testphase. Trotzdem lohnt sich der Blick auf diesegeplante Weiterentwicklung, denn sie soll das Engpassmanagement im Stromnetzerneut revolutionieren.

Warum braucht es Redispatch 3.0?

Seit2021 bindet Redispatch 2.0 alle steuerbaren Anlagen ab 100 kW ein.Kleinere Anlagen unter 100 kW sind in der Regel bislang außen vor. Weil die Zahl dieser „Mikroanlagen“ (PV-Heimkraftwerke, Batterien) wächst, entsteht eine Lücke in der Flexibilitätsbereitstellung. Redispatch 3.0 soll dieseLücke schließen, indem es die Flexibilität kleiner Erzeuger undVerbraucher in die Netzstabilisierung einbindet.

Kernideen und Ziele des Projekts

Das BMWK-geförderte Forschungsprojekt Redispatch 3.0 – Demonstration Project Redispatch and Marketing of Unused Flexibilities of Micro Plants behindSmart Metering Systems – bildet die Grundlage für diese Weiterentwicklung. Es startete Anfang 2022 und läuft bis Ende 2024. Die wichtigsten Ziele:

  • Integration  von Kleinstanlagen: Anlagen und Geräte mit Leistungen unter 100 kW sollen ihre Flexibilität in die Netzführung einbringen.
  • Automatisierte Steuerung: Die Steuerung soll per intelligenter Messsysteme (SmartMeter-Gateways) und deren CLS-Schnittstelle erfolgen, damit Netzbetreiber und Aggregatoren auf Millionen kleiner Anlagen zugreifen können.
  • Förderung von Eigenverbrauchern: Haushalte mit PV-Anlagen, E-Autos oder Wärmepumpen sollen finanzielle Anreize erhalten, ihre Flexibilität dem Netz zur Verfügung zu stellen – etwa durch variable Tarife oder Prämien
  • Standardisierung: Der Entwurf der VDE SPEC 90032 setzt auf einheitliche Datenformate und Prozesse, um eine technisch und rechtlich verlässliche Grundlage zu schaffen.
  • Reduzierung  von CO₂-Emissionen: Durch die Nutzung dezentraler Erneuerbaren-Anlagen soll der Einsatz fossiler Kraftwerke im Redispatch weiter sinken.

Technologische Innovationen

Um diese Ziele zu erreichen, setzt Redispatch 3.0 auf modernste Technologien:

  • Edge- und  Multi-Agenten-Systeme: Flexible Kleinstanlagen werden lokal vernetzt und können sich gegenseitig koordinieren, wodurch ein großer Pool nutzbarer Flexibilität entsteht.
  • Blockchain & SSI: Die Abrechnung sowie die Verifikation der bereitgestellten Flexibilität erfolgt transparent und datenschutzfreundlich, u. a. mittels Self-Sovereign-Identity und Zero-Knowledge-Proofs.
  • Künstliche Intelligenz & Prognosen: Algorithmen analysieren Lastflüsse und Engpässe, um die Flexibilität vorausschauend einzusetzen und Engpässe zu vermeiden.

Diese Technologien werden im Projekt DEER (Dezentraler Redispatch) erprobt und in Feldtests bei Netzbetreibern wie EWE Netz und MVV Netze validiert.

Erste Praxiserfahrungen: das Beispiel OctoFlexBW

Eingreifbares Beispiel für das Potenzial von Redispatch 3.0 ist das Projekt OctoFlexBW. Hier werden Elektrofahrzeuge als flexible Lasten genutzt, um lokale Netzengpässe zu vermeiden. Über dieVernetzung von TransnetBW mit der Plattform Kraken von Octopus Energy wird dasLaden der E-Autos automatisiert gesteuert. Dabei entstand ein marktbasiertesElement für Mikro-Flexibilität, das das bisher rein kostenbasierte Redispatch-Regime ergänzt. In der ersten Projektphase stellten rund 100 Fahrzeuge die geforderte Flexibilität zuverlässig zur Verfügung.

Herausforderungen & offene Fragen

Das Konzept von Redispatch 3.0 steht kurz davor, die Energiebranche zu revolutionieren. Doch noch fehlt der Rechtsrahmen: Die VDE SPEC 90032befindet sich derzeit in der öffentlichen Konsultation und ist somit noch nichtverbindlich. Parallel dazu wächst die Komplexität des Vorhabens, weil künftig Millionen von PV-Anlagen, Speichern und E-Mobilitäten aktiv am Netzmanagement teilnehmen sollen – ohne einheitliche Schnittstellen und automatisierteProzesse lässt sich diese Vielfalt kaum koordinieren. Durch die hohe Zahl an neuen betroffenen Anlagen müssen die Systeme aller betroffenen Marktpartner einen hohen Automatisierungsgrad aufweisen, welcher im Idealfall bereits heute aufgebaut wird.

Neben der Technik muss auch das Vertrauen der Teilnehmer gesichert werden. Self-Sovereign-Identity Lösungen gewährleisten die eindeutige Verifizierung jeder Anlage und schützensensible Stammdaten, sodass Datenschutz und Datensouveränität auch beiMillionen dezentraler Akteure gewahrt bleiben. Ebenso wichtig sind attraktive wirtschaftliche Anreize: Ein hybrider Redispatch-Ansatz vergütet nachfrageseitige Flexibilität marktbasiert– ein Modell, das laut Studien Einsparpotenziale von bis zu 228 Millionen Euro allein in Baden-Württemberg verspricht und damit alle Beteiligten finanziell profitieren lässt.

Fazit: Was erwartet uns mit Redispatch 3.0?

Redispatch 3.0 ist kein fertiges Produkt, sondern derzeit noch ein Forschungs- und Standardisierungsprojekt. Dennoch zeigt es schon jetzt, wohin die Reise gehen könnte: eine Nutzung der millionenfach vorhandenen flexiblen Ressourcen in unseren Haushalten und Betrieben zur Stabilisierung des Stromnetzes. Mit dem richtigen Rechtsrahmen, verlässlicher Technologie und attraktiven Anreizmodellen könnte Redispatch 3.0 dazu beitragen, den Anteilerneuerbarer Energien weiter zu erhöhen, CO₂-Emissionen zu senken und gleichzeitig die Stromnetze effizienter zu betreiben.